Von Simon Schmid. Aktualisiert am 16.03.2012
Goldman-Sachs-Banker Greg Smith machte Missstände öffentlich – damit verstiess er gegen ein Tabu. Welche Folgen dies hat, weiss eine hiesige Bankangestellte. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet gibt sie Auskunft.
«Ein prinzipienhafter und keine Konkurrenz scheuender Student»: Investmentbanker Greg Smith (untere Reihe, ganz links) während seiner Studienzeit in Johannesburg ...
Bild: Reuters
Es war die Finanzstory des Tages: Investmentbanker Greg Smith, Herr über Anlagevermögen in Milliardenhöhe und Chef Dutzender Mitarbeiter bei Goldman Sachs, reichte bei der Bank gestern sein Kündigungsschreiben ein. Doch nicht nur dies. Smith inszenierte seinen Abgang mit Getöse und schwärzte die Wallstreet-Bank in der «New York Times» aufs Übelste an. Kunden würden bei Goldman Sachs intern als «Deppen» oder «Vollidioten» bezeichnet und systematisch abgezockt, schreibt Smith. In der Firmenkultur sei jegliche Integrität verloren gegangen – einzig die Kohle zähle.
Auch in der Schweizer Finanzwelt hat Smiths Artikel eingeschlagen – wobei nicht so sehr der Inhalt, sondern vielmehr die Umstände der Enthüllung zu reden geben. Man weiss, dass Goldman Sachs als eines der raffgierigsten Finanzhäuser an der Wallstreet gilt. Aber dass ein Topbanker mit derart schweren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gelangt, ist eine eigentliche Sensation. «Wer Interna aus einer Bank nach aussen trägt, bricht ein Tabu», sagt Peter-René Wyder, Präsident des Schweizerischen Bankenpersonalverbands. Beruflich gelten solche Leute als erledigt, denn Banken scheuen die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser.
Die Hoffnungslosigkeit nach der Wut
Dabei muss einer kein Wallstreet-Hai sein, um sich mit einem Medienauftritt die Zukunft zu verbauen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat mit einer Frau gesprochen, die es wissen muss. Als die UBS 2009 ihren Stellenabbau vollzog, landete sie auf der Strasse – dreissig Jahre, nachdem sie bei der Grossbank angestellt worden war. Enttäuscht und wütend aufs Management sprach sie damals zu «10vor10». Es sollte ein Fernsehauftritt werden, der ihre Stellensuche massiv erschwerte. «Kein Personalverantwortlicher will es zugeben», sagt die Frau: «Doch wer einmal in den Medien auftritt, ist für Banken lebenslänglich gebrandmarkt.»
Die Arbeitnehmenden in der Finanzbranche ducken sich, haben Angst. Dies sagt Denise Chervet, Zentralsekretärin beim Bankenpersonalverband: «Nicht einmal anonym wollen sie mit uns zusammenarbeiten». Dabei scheint sich die Stimmung besonders in den Grossbanken seit der Jahrtausendwende massiv verschlechtert zu haben. «Der Druck ist gestiegen, Kunden zu akquirieren und Rendite zu erzielen», bezeugt Verbandspräsident Wyder. Die Interessenskonflikte seien gross; vielfach werde das Interesse der Kunden missachtet – indem ihnen vor allem diejenigen Produkte verkauft würden, an denen auch die Bank kräftig verdienen würden.
Vom Banker zum IT-Berater
Wer öffentlich auf solche Missstände hinweist, handelt sich vor allem Probleme ein. Der Verdacht auf Illoyalität ist gleichbedeutend mit dem Todesurteil, berichtet ein Zürcher Personalvermittler. Wer in Leserbriefen, gegenüber Nachrichtenportalen oder in Blogs aus der Finanzszene kritische Äusserungen macht, geht grosse Risiken ein. Auch Anonymität scheint wenig zu helfen: Man kennt sich in der Szene, vielfach ist schnell klar, wer hinter einer Aussage steckt.
Auch wer mit seinem bisherigen Arbeitgeber in einen Rechtsstreit verwickelt ist – beispielsweise wenn es um die Aufteilung von Kommissionszahlungen geht –, ist für die Finanzbranche ein rotes Tuch. Der Headhunter, der bei der aktuellen Marktsituation selbst alle Hände voll zu tun hat, berichtet von ausgezeichnet qualifizierten Klienten, denen als einzige Lösung der Branchenwechsel übrigblieb: Das Arbeitszeugnis war nicht makellos, die Trennung «im gegenseitigen Einverständnis» erweckte das Misstrauen möglicher Arbeitgeber.
Aus Angst, die Tätigkeit im US-Vermögensverwaltungsgeschäft könnte später zum beruflichen Stigma werden, würden Banker aktuell sogar vorsorglich die Stelle wechseln. Auch Finanzinstitute treffen jedoch ihre Vorkehrungen: Um sicherzustellen, dass Banker ihr Wissen über Geschäftsgeheimnisse und Gepflogenheiten mit ins Grab nehmen, schliessen sie Verträge mit ihren Angestellten ab. Darin sind Konventionalstrafen festgelegt, für den Fall, dass Banker plötzlich Drang nach öffentlicher Aufmerksamkeit verspüren.
Der Mut zur Heuchelei
Dass einer wie Greg Smith seine Meinung in der meistgelesenen Zeitung der Welt kundtut, verdient vor diesem Hintergrund Beachtung. «Hut ab», sagt die ehemalige UBS-Angestellte, die heute noch immer auf Jobsuche ist. Kaum einer ihrer Leidensgenossen hätte sich im Zuge der Entlassungswelle getraut, gemeinsam gegen die Bank aufzustehen. Dass nur ein Topverdiener sich eine derartige Medienaktion überhaupt leisten könne, ist für die Frau ebenfalls klar: «Unsereins hat in Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber nicht einmal Geld für den Anwalt.»
Es ist aussergewöhnlich, dass man seinen Arbeitgeber in der Öffentlichkeit kritisiert. Geschieht das mit einem Waffenhersteller, der Landminen nach Afrika verkauft, wird dem Kritiker applaudiert. Heute müssen wir akzeptieren, dass junge Menschen ihr Gewissen entlasten wollen, weil sie erkennen dass ihre Arbeit unethisch ist. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen für unsere unmoralische Welt.
Quelle tagesanzeiger.ch






